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Ironie des Schicksals

Was bedeutet ‚Ironie des Schicksals’? – Du hast es sicher schon beobachtet: Manchmal haben Menschen ein fettes Grinsen auf den Lippen und äußern genussvoll: „Welch eine Ironie des Schicksals!“ Ein märchenhaftes Beispiel für eine solche Situation erzähle ich dir am Ende. Manchmal aber haben Menschen auch sorgenvoll gekräuselte Lippen und seufzen oder stottern gar: „Welch eine Ironie des Schicksals!“ Das kommt ganz auf die jeweilige Rolle im ironischen Spiel des Schicksals an…

Können nur Personen ironisch sein?

Zunächst jedoch magst du dich fragen: Meint Schicksal nicht dumpfe Notwendigkeit oder blinden Zufall? In welchem Sinne aber könnten Zufall oder Notwendigkeit ironisch sein? Zufall und Notwendigkeit sind doch keine Personen, keine Subjekte. Ist es nicht so, dass nur Personen ironisch sein können?

Im Dunstkreis der Romantik

Nun ja, alles ist sozusagen möglich, wenn man nur will. So sah man das auch im frühen 19. Jahrhundert und erfand die ‚objektive Ironie’ und damit, wie wir sehen werden, die Bedingung der Möglichkeit einer Ironie des Schicksals. Natürlich tat man die Erfindung im Dunstkreis der romantischen Ironie, denn die Romantiker waren weit humorvoller, als ihre herzzerreißenden Sehnsüchte und Unendlichkeitsbeschwörungen erahnen lassen.

Objektive Ironie

‚Objektiv’ ist eine Ironie, die nicht dem Subjekt, sondern den Objekten innewohnt, den Dingen, Sachverhalten und Situationen. Wenn dir das jetzt zu philosophisch vorkommt, hast du natürlich Recht. Aber es hilft ja nichts… Jedenfalls brütete man ideengeschichtlich auf diesem Wege den Gedanken aus, dass die Ironie nicht nur in Hans Meier stecke, sondern auch in Welt, Natur und Geschichte usw. – und eben auch im Schicksal. In diesem Sinne spricht man dann nicht nur von Hans Meiers Ironie, sondern auch von der Ironie der Welt, der Natur und der Geschichte usw. – und eben auch von der Ironie des Schicksals.

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Wahrgenommen werden kann die Ironie des Schicksals allerdings nur von einem Zuschauer, dem Ironiker. Indes besteht sie auch, wenn keiner sie bemerkt. Bloß kann sie sich eben selbst nicht bemerken. Capito?

Nicht noch eine Verkomplizierung

Wenn wir die ganze Thematik noch weiter verkomplizieren wollten, könnten wir in Analogie zur subjektiven Ironie, die ja – wir erinnern uns – Stilmittel oder Haltung ist, noch fragen, ob das werte Schicksal nun eben beliebt, die Ironie eher kokett als Stilmittel zu nutzen oder diszipliniert als Haltung zu pflegen. Aber dann kämen selbst die Jungs aus dem philosophischen Proseminar ins Schwitzen, und so will ich lieber mit einem märchenhaften Beispiel enden, das – so hoffe ich – jeder versteht, um nicht zu sagen: selbst du.

Märchenhaftes Beispiel für die Ironie des Schicksals

Es war einmal ein böser Chef, der feuerte aus lauter Profitgier einen seiner treuesten Mitarbeiter. Nun trug es sich aber zu, dass der Chef mit seinem Unternehmen zwei Jahre später trotzdem pleiteging. Der treue Mitarbeiter hatte nach seiner Entlassung zunächst Hartz IV beziehen und in allerlei Weise sich demütigen lassen müssen. Später hatte er einen neuen Job als Personaler in der Gebrüder Grimm GmbH gefunden und lebte glücklich und zufrieden… Nein, noch nicht. Es begab sich aber zu jener Zeit, dass der böse Chef, der nun ja auch auf der Straße saß, sich bei der Gebrüder Grimm GmbH, o, welch ein Zufall!, auf eine Stelle bewarb. Und als er also zum Bewerbungsgespräch erschien und die Tür öffnete und seinen alten Mitarbeiter sah, da sagte der treue Mitarbeiter: „Welch eine Ironie des Schicksals!“, und zwar in der Variante mit dem fetten Grinsen auf den Lippen… Darauf heiratete der treue Mitarbeiter eine edle Prinzessin, machte ihr ein, zwei, drei hochbegabte Kinder und lebte glücklich und zufrieden… und wenn er nicht gestorben ist, dann… Amen.

Hast du jetzt kapiert, was ‚Ironie des Schicksals’ bedeutet?

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