Was ist Zynismus?

Kein Geringerer als Oscar Wilde sagte einmal, Zynismus sei „die Kunst, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten“. Doch obwohl Wildes brillante, aphoristische Definition selbst einen leicht zynischen Einschlag hat, verhält es sich ganz so einfach dann wohl doch nicht. Oder ist etwa jeder Realist ein Zyniker? Eine Frage, der ich in einem späteren Artikel nachgehen werde…

Hier möchte ich zunächst eine eher umgangssprachliche Bedeutung des Zynismus von einer philosophischen unterscheiden.

Umgangssprachliche Bedeutung des Zynismus

Das Wort Zynismus ist in der Umgangssprache negativ belegt. Es meint eine Weise zu denken und zu handeln, die sich durch alles herabsetzenden Spott auszeichnet. Der Zyniker nimmt nichts ernst, ihm ist nichts würdig. Billigend nimmt er in Kauf, Menschen zu verletzen, mit Worten – und manchmal auch mit Taten. Gewöhnlich verletzt der Zyniker aber nicht, weil er so große Freude daran hätte. Vielmehr sind es meist die vermeintlich ‚verletzenden’ Umstände, die der Zyniker ins Bewusstsein heben will.

Normen und Konventionen

Zyniker kritisieren ohne Tabu, reißen Konventionen ein und besetzen unversöhnlich Anti-Positionen gegenüber dem gesellschaftlich Normativen. Sie tun dies aus Prinzip, und nicht primär aus inhaltlichen Gründen. Damit provozieren sie und ziehen den Hass besonders der Spießbürger und Mitläufer auf sich – es sei denn, könnte man zynisch hinzufügen, sie besitzen die Macht: Dann halten dieselben Spießbürger ihren Zynismus für Realismus…

Zynismus und Literatur

Werbung

In der Literaturkritik gilt Zynismus nicht als eine rhetorische Figur wie etwa die Ironie, sondern als Haltung eines Protagonisten oder als spezifisches Verhältnis eines Autors zur Welt. Die Literaturgeschichte wimmelt von zynischen Figuren und Schriftstellern. Literaturwissenschaftler mit Hang zum Zynismus behaupten, das liege unter anderem daran, dass Schriftsteller den ganzen Tag am Schreibtisch säßen und es bei ihnen auch oft mit den Frauen nicht klappe…

Zynismus in der Philosophie – Diogenes und die Kyniker

Im 4. Jahrhundert vor Christus wirbelte ein Philosoph namens Diogenes die selbstsichere Bürgerlichkeit in Athen und Korinth auf. Seine bissige Kritik an Gesellschaft und Politik brachte ihm den Spitznamen ‚kyon’ (der Hund) ein.

Diogenes war ein faszinierender Philosoph, von dem es viel Bedenkenswertes zu erzählen gibt. Ich werde noch einen Artikel über ihn schreiben.

Aus Diogenes’ Spitznamen leitet sich jedenfalls der Begriff Kyniker her, der eine philosophische Bewegung bezeichnet, die von Diogenes ihren Ausgang nahm.

Auch den Kynikern werde ich noch einen Artikel widmen. Sie optierten für ein Leben der Bedürfnislosigkeit – was man von heutigen Zynikern eher selten behaupten kann – und attackierten ebenfalls heftig die herrschenden gesellschaftlichen Konventionen.

Werbung